Judenbank

Die Fragen, um die das Stück dabei kreist, sind die, die man nie müde wird zu stellen: "Wie war die Machtergreifung der Nazis möglich?" und "Was für Menschen waren das eigentlich, die begeistert Heil Hitler" geschrien haben oder den eigenen Ehemann bei der Gestapo angezeigt haben?

"Die Judenbank" lässt als Titel in Zeiten der Eurozonenkrise auf unbequeme Weise Lesarten zu.
Darum ging es aber gar nicht. Sondern schlicht um eine Sitzgelegenheit in einem kleinen Städtchen,
auf der der Protagonist, Dominikus Schmeinta, seit Jahr und Tag sitzt, weil er von dort die beste
Aussicht hat.
Nun sind die Nazis an der Macht und die Arisierung der Gesellschaft zeitigt eigenartige Ergebnisse:
Die  - Dominikus' - Bank ist qua daran angebrachtem Schild "Nur für Juden". Besonders eigenartig ist
das, weil es im gesamten Städtchen nicht einen Juden gibt. Vielleicht auch, weil Dominikus sich lieber
damit beschäftigt als mit seinem faschistischen, untreuen Neffen und seinem von der Mutter im
christlichen Glauben erzogenen Großneffen, der unter seinem Vater verzweifelt, schreibt Dominikus
an den Führer höchstpersönlich, um zu erwirken, dass er fortan Jude sei - damit er weiterhin auf
seiner Bank sitzen darf.

In der Zwischenzeit wird denunziert, verzweifelt und der Führer gepriesen - all das übrigens von
Schauspieler Peter Bause in Personlaunion. Den gesamten Abend bestreitet er allein und spielt gleich
neun verschiedene Charaktere. Wer gerade zu sehen ist, können die Zuschauer an unterschiedlichen
Klamotten erkennen die auf Bügeln an Leinen hängen. 
Die 1 Stunde und 20 Minuten vergehen wie im Fluge und man amüsiert sich prächtig. Das war für
mich die erste Erkenntnis des Abends. Langsam aber sehr sicher ist Humor offenbar ein berechtigter
Zugang zu den Geschehnissen in Nazideutschland. Ich finde zurecht und in den Hamburger
Kammerspielen sehr gut umgesetzt.


Trotzdem versinkt das Stück nicht in der lustigen Belanglosigkeit. Wenn berichtet wird, wie dem
Großneffen im Kindesalter die nötige Härte beigebracht werden sollte, indem er dabei zusieht, wie der
Vater den mit dem Schwanz wedelnden Familienhund erschießt, macht das - ebenso wie das Ende
des Stückes - betroffen.


Die Fragen, um die das Stück dabei kreist, sind die, die man nie müde wird zu stellen: "Wie war die
Machtergreifung der Nazis möglich und "Was für Menschen waren das eigentlich, die begeistert
Heil Hitler geschrien haben oder den eigenen Ehemann bei der Gestapo angezeigt haben?"


Hannah Arendt hat die beunruhigende Antwort 1963 mit ihrem Bericht über Adolf Eichmann mit dem
Untertitel "Die Banalität des Bösen" längst gegeben. Ganz gewöhnliche Menschen waren es.  

Menschen, wie Du und ich?


Insofern fühlt sich auch der Hinweis auf die Zweideutigkeit von "Bank" zurecht unbequem an.
Schließlich haben die entsprechenden Vorurteile gegenüber der jüdischen Bevölkerung das dritte
Reich bis heute überlebt.